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Ein schmutziger Krieg und warum er nicht gewonnen wurde!

Sonntag, 18. Januar, 00:59 Uhr, Ramallah. In einer Stunde wird ca. 100 km von hier eine Waffenruhe eintreten. Eine einseitige Waffenruhe. Mazal tov Yisrael!!

1205 Tote meldet die palästinensische Nachrichtenagentur Maan News. Ja. Palästinensisch. Wir wissen nicht, ob diese Zahl wirklich stimmt. Warum nicht? Weil Israel keine ausländischen Journalisten nach Gaza reinlässt! Diese beobachten die Operation mit dem wunderschönen Namen „Gegossenes Blei“ von einem Hügel an der Grenze zu dem gottverlassenen Stück Erde. Zwischen ihnen befinden sich einige Israelis, die bei jeder Bombe, die auf Gaza herabregnet, laut aufjubeln. Was die Sache mit den Journalisten betrifft, hat sich Israel wohl ins eigene Fleisch geschnitten. Und nicht nur da.

Ein schmutziger Krieg                        

Seit über drei Wochen verfolge ich die „Ereignisse“ in und um Gaza und von Tag zu Tag werde ich fassungsloser über das was geschieht. Die Bilder, die der arabische Nachrichtensender Al Jazeera ausstrahlt sind grauenhaft. Kleine Kinder, verwundet bis zur Entstellung. Blut auf den Straßen. Verzweifelte Menschen. Zerstörte Häuser. Leichen, für die keine Leichentücher mehr übrig sind. Die Nachrichtensender aus Israel strahlen ebenfalls Bilder vom Krieg aus. Bilder der israelischen Seite. Morgens um zehn Uhr sieht man das Bild eines Hauses in Ashkelon, in das eine Rakete einschlug. Niemand wurde verletzt. Es entstand ein Sachschaden. Ein Loch. Nachmittags um vier wird immer noch dasselbe Bild gezeigt. Ach ja, und die Bewohner werden wegen Schocks behandelt. Einen Moment: Die Bewohner werden wegen Schocks behandelt während auf der anderen Seite die Leichentücher ausgehen?

Meine Freundin Kathrin und ich wurden auf eine seltsame Art von Waffen aufmerksam. Sie erinnern an eine Silvesterrakete, die in vielen kleinen Einzelteilen auf den Boden niederregnet. Wir fragten unseren israelischen Freund Gilad in Tel Aviv danach. Gilad war erstaunt: „Da habt ihr was falsch gesehen. Das sind Phosphor-Waffen. Also nicht offiziell, weil das international verboten ist, deswegen nennen wir das hier anders. Aber Phosphor ist dazu da, Menschen ziellos zu töten, wir wollen die Infrastruktur der Hamas zerstören und gezielte Schläge gegen deren Mitglieder führen.“ Einen Abend später sehen wir zusammen in israelischem Fernsehen ebendiese Waffen über Gaza niederregnen…. Was war nochmal gleich das Ziel der „Operation“?

Diese kleine Einsicht in „israelische Kriegsführung“ erklärt wohl auch die beschossenen Schulen und Moscheen, UN-Hilfsgüter – Lager, UNRWA Headquarter und schließlich auch noch Krankenhäuser..

Der Innenminister der Hamas, Said Siam ist bei einem Luftangriff auf das Haus seines Bruders mit diesem und dessen ganzer Familie getötet worden. Offenbar wusste „man“, wo er sich aufhielt. Wie ist das mit dem israelischen Standpunkt, alle Hamas Offiziellen würden sich in Bunkern unter Krankenhäusern etc(Stichwort Zivilisten als Schutzschilde) verstecken, zu vereinbaren? Einer der fünf Köpfe der Hamas tat dies offenbar nicht.

Der Ausgangspunkt

Israels Rechtfertigung dieser Katastrophe ist immer wieder die gleiche Leier: Recht auf Selbstverteidigung, sprich Stop der Raketen. In einer Sache stimme ich durchaus überein: Ein Stop der Raketen ist unabdingbar für die Bewohner in Sderot und den anderen Orten um den Gazastreifen. Doch die Raketen sind NICHT die Ausgangssituation des Gazakonflikts, sie sind bereits die AUSWIRKUNG und es ist mir unbegreiflich, wie Politiker wie unsere geschätzte Bundeskanzlerin Frau Merkel das so leicht übergehen. (Über die Folgen gewisser Aussagen hier unten fang ich gar nicht erst an)Warum schießt Hamas Raketen bzw die eigentlich viel wichtigere Frage ist, warum wird Hamas von den Menschen in Gaza nach wie vor unterstützt? Gaza ist eine humanitäre Katastrophe – dafür hätte es keiner 1205 weiterer Todesopfer bedurft. Der dichtbevölkerteste Flecken der Erde bietet seinen Bewohner ein Leben, das weit jenseits dessen liegt, was wir als menschenwürdig bezeichnen. Fangen wir bei den Grundbedürfnissen an: Es gibt kaum Nahrungsmittel, die Menschen sind abhängig von Hilfeleistungen der UN UND der israelischen Erlaubnis, diese Hilfeleistungen auch EINZUFÜHREN nach Gaza, sowie von der israelischen Laune, die Strom- und Wasserversorgung aufrechtzuerhalten, was alles andere als regelmäßig ist. Israel hat die palästinensischen Fabriken zerstört, den Fischfang verboten (genaugenommen ein Befahren der Gewässer), die Produkte des Ackerbaus können nicht ausgeführt werden – die Bewohner des Gazastreifens haben somit nicht die geringste Möglichkeit, sich selber zu versorgen, sie sind STETS auf Israel angewiesen. Und Israel hat sich in der Vergangenheit nicht gerade als großzügiger Gönner erwiesen...Genauswenig haben sie die Möglichkeit, den Gazastreifen zu verlassen, zu reisen oder lediglich Freunde oder Familie in der Westbank zu besuchen.  Die Tunnel, die von Israel in den letzten drei Wochen zerstört worden, haben bei weitem nicht nur Waffen geschmuggelt sondern die palästinensische Bevölkerung in Gaza mit lebenswichtigen Gütern aus Ägypten versorgt. Was machen Menschen, die über Jahre in dieser Situation leben? Richtig, sie radikalisieren sich. Die brutale „Einsperrpolitik“ Israels hat Hamas überhaupt erst so stark gemacht. Ein offener Gazastreifen hätte die Situation erst gar nicht so weit kommen lassen.

Was sollte erreicht werden – was wurde erreicht?

Nun ja, die Situation ist wie sie ist. Hamas spricht nur mit Waffengewalt und versteht nur Waffengewalt. Das ist die Aussage Israels. Warum frage ich mich, benutzt Israel dann genau diese Waffe, mit der Hamas so erprobt ist, anstatt eine andere Waffen einzusetzen, und Hamas völlig zu überrumpeln? Diplomatie zum Beispiel? Liegt es daran, dass Israel selber nicht fähig ist, diese Waffe einzusetzen? Oder liegt es daran, dass Israel weiß, dass Hamas durchaus auch ein kluger diplomatischer Akteur ist? Oder würde das einfach bedeuten, dass eventuell eine Einigung zustande kommen könnte, was einen Schritt in Richtung Frieden wäre und auch Eingeständnisse von israelischer Seite bedeuten würde? Viele Fragen und ich gebe zu, sehr verwirrend.

Israel ist in den Krieg gezogen, in den Verteidigungskrieg, das wollen wir nicht vergessen. Und zu dieser Uhrzeit, in zehn Minuten ist es zwei Uhr, beginnt die einseitige Waffenruhe. Denn das Ziel wurde ja „mehr als erreicht“ wie Olmert so schön sagt. Welches Ziel noch mal? Immer noch feuert Hamas Raketen nach Israel, sollte das nicht in erster Linie gestoppt werden? Hm. Nun gut, viele Menschen wurden getötet, darunter auch ein paar Hamas-Mitglieder. Das war ja auch ein Ziel. Ich bin jedoch überzeugt, dass diese Aktion mindestens doppelt so viele Radikale in Gaza geboren hat, wie gestorben „wurden“. Gab es noch ein Ziel?

Eine einseitige Waffenruhe. Warum? Weil Israel auf die Bedingungen der Hamas nicht eingeht. Wie kann die Hamas denn überhaupt wagen, Bedingungen zu stellen? Hat sie denn immer noch nicht verstanden, dass sie den Krieg verloren hat? Und überhaupt, eine Aufhebung der Gazablockade… wie dreist ist diese Forderung eigentlich. Nein, darauf kann man nicht eingehen. Aus ganz vielen Gründen. Man würde Schuld eingestehen. Es sähe auch ein bisschen so aus, als ob man den Krieg verloren hätte. Und man hat ihn ja gewonnen… Oder? Die israelischen Bedingungen für eine Waffenruhe hat denn auch Außenministerin Livni gleich mit den USA geklärt anstatt dem eigentlichen Kriegsgegner: Ein Stopp des Waffenschmuggels nach Gaza. Nachdem sowieso schon alles zerbombt wurde, der internationale Druck größer wird, und zu allem Übel auch noch Barak Obama seine Amtszeit antritt, bleibt Israel nicht mehr viel übrig, als ein Ende der Angriffe. Verbunden mit der Feststellung, das Ziel wurde erreicht.

Der Krieg ist nicht gewonnen! Und das aus einem einfachen Grund: Erst wenn Israel und Hamas an einem Verhandlungstisch sitzen, sowie Israel sich einst mit der –damals ebenfalls als Terrororganisation bezeichneten- PLO an einen Tisch gesetzt und Frieden geschaffen hat, wird Israel so etwas wie einen Sieg davontragen, wenn man davon überhaupt sprechen kann. Solange Israel weiterhin einseitige Aktionen startet, wie auch schon 2005 beim Rückzug aus Gaza, ist es einem Sieg nicht einmal ansatzweise nahe. Ein derart brutaler Angriff auf eine ganze Bevölkerung und ein anschließender einseitiger Beschluss eines Waffenstillstandes ohne die andere Seite auch nur einer Geste zu würdigen ändert NICHTS an dem Zustand der Aggression und der Belagerung in Gaza und vor allem nichts an dem Hass, den diese bei den Palästinensern mit sich bringen und somit auch nicht deren Haltung gegenüber Israel inklusive ein Stop des Raketenbeschusses.

Invasionen wie wir sie in den letzten Wochen erlebt haben, werden sich sonst immer wieder wiederholen und führen nur zu einem: Einem Erdrutsch nach hinten auf dem Weg zum Frieden und einem Erstarken der radikalen Kräfte auf palästinensischer Seite. Solange Israel es nicht schafft, die Hamas zu umgarnen und ein gegenseitiges Übereinkommen auszuarbeiten, und der Hamas die Basis ihres Erfolgs zu nehmen – den Hass auf die brutale Besatzungsmacht- wird es diese Organisation nicht besiegen. Der Frieden ist heute weiter entfernt als man es sich in Europa, Amerika und sonst wo auch nur vorstellen kann. Nur wer hier unten in diesem Land jetzt in die Gesichter der Menschen schaut und ihnen zuhört, hat den Hauch einer Ahnung von dem, was hier angerichtet worden ist.

18.1.09 01:42
 


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bisher 4 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Benno (26.1.09 23:59)
Hi Sarah,

ich kann mir vorstellen, dass die Israel-Perspektive dich zu einer überzeugenderen Kommentatorin des Konfliktes macht als jeden in Deutschland weilenden Sesselfurzer.

Aber ist die Hamas wirklich nur stark geworden, wegen der Politik der Israelis? Oder ist der islamische Fundamentalismus nicht auch ein Phänomen, dass die politische Vorherrschaft gewaltsam anstrebt auch wenn keine Juden diesem Ziel im Wege stehen? Ich sehe nur Entwicklungen in Pakistan, Afghanistan, Ägypten und auch der Türkei, die dieser Deutung durchaus Argumente liefern. Schließlich springt die Hamas mit den Kritikern in ihren eigenen Reihen nicht gerade zimperlich um, und die sind ja keine imperialistischen Zionisten.


Sarah (30.1.09 21:40)
Hey Benno,

ich bin überzeugt, dass der islamische Fundamentalismus durchaus eine politische Vorherrschaft im Nahen Osten anstrebt.
Jedoch denke ich, dass er in jedem Land in seinem eigenen Kontext gesehen werden sollte, wo jeweils andere Probleme den Islamisten den Weg ebnen.
In den palästinensischen Gebieten legitimiert sich Hamas durch den israelischen Besatzer.
Ein paar extremistische Vordenker gibt es immer, die die von dir genannten Ziele anstreben, aber ich bin sicher, viele Kämpfer der Hamas haben ihre ideologische Einstellung und Kampfbereitschaft aus ihrem Hass gegen Israel gewonnen und auch in der Bevölkerung kann man mit jeder "Tat Israels gegen die Palästinenser" (und das sind mehr als nur einmal ein Krieg im Jahr) einen Ruck in diese Richtung verspüren.
Extremismus gibt es ja überall, es kommt nur meiner Meinung nach darauf an, wie man damit umgeht, und da haben weder Israel noch Fatah in den letzten Jahren brilliante Taten vollbracht.


Sarah (30.1.09 21:42)
.... wobei es bestimmt so ist, dass Hamas durch die Unterstützung islamistischer Gruppierungen zb aus Iran oder Syrien durchaus mehr Möglichkeiten hat...


Benno (4.2.09 17:21)
Also 600 getötete Zivilisten sind wirklich nicht Ausdruck einer von Umsicht und diplomatischem Geschick gelenkten Politik. Aber leidenschaftliche Israel-Kritik klingt für mich halt einfach komisch, weil ausufernde Rhetorik gegenüber Juden eben einen ganz dunklen Abschnitt deutscher Geschichte kennzeichnen. Natürlich wehrt sich jeder Israel-Kritiker gegen Antisemitismus-Vorwürfe - oftmals auch zurecht, wie du zum Beispiel.

Aber ich denke, manche können nicht mehr unterscheiden. Deswegen sollte man meiner Meinung nach immer vorsichtig sein, mit wem man sich mit seiner Kritik gemein macht und auf welcher Seite man sich plötzlich wiederfindet.

Ein interessanter Artikel erschien zu dem Thema Antisemitismus auf der Linken in der taz:
http://www.taz.de/1/debatte/kommentar/artikel/1/antisemitismus-von-links/

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